Der Fall der imaginären Ortsverbände

Es war ein küh­ler Herbst­abend im Jah­re 2025, als ich in unse­rem ver­trau­ten Salon in der Bach­stra­ße 221b saß, das knis­tern­de Kamin­feu­er mein ein­zi­ger Beglei­ter in einer ansons­ten stil­len Stun­de. Sher­libb Hol­mes, mein geschätz­ter Freund und Detek­tiv von unver­gleich­li­chem Scharf­sinn, blät­ter­te mit einer Mischung aus Neu­gier und Ver­ach­tung durch eine Samm­lung regio­na­ler Zei­tun­gen aus der fer­nen Pro­vinz Stein­furt über­flog. Auf ein­mal blitz­ten sei­ne Augen und ein spöt­ti­sches Lächeln spiel­te um sei­ne Lip­pen.

„Ibbson“, begann er, ohne den Blick von der Zei­tung zu heben, „es scheint, als hät­ten wir es hier mit einem Fall von bemer­kens­wer­ter Dreis­tig­keit zu tun – oder viel­leicht nur mit einem Geist, der sich in den Nebeln der Selbst­täu­schung ver­liert. Hören Sie sich das an: Der Vor­sit­zen­de des AfD-Kreis­ver­ban­des Stein­furt, ein gewis­ser Flo­ri­an Elix­mann, ver­kün­de­te mit gro­ßem Tam­tam die bevor­ste­hen­de Grün­dung von Orts­ver­bän­den in Gre­ven, Saer­beck und Ibben­bü­ren. Eine voll­mun­di­ge Ankün­di­gung, die in der Pres­se für eini­ge Wel­len sorg­te. Doch – und hier wird es inter­es­sant – selbst ein Jahr spä­ter gibt es kei­ner­lei Spur die­ser Orts­ver­bän­de. Kei­ne Ver­samm­lun­gen, kei­ne Ver­an­stal­tun­gen, kein Lebens­zei­chen. Ein Trug­bild, Ibbson, ein Phan­tom der Ein­bil­dung!“

Ich run­zel­te die Stirn, wäh­rend ich mei­ne Pfei­fe stopf­te. „Ein Phan­tom, sagen Sie? Aber Hol­mes, war­um soll­te ein Mann in sei­ner Posi­ti­on solch eine Ankün­di­gung machen, wenn nichts dahin­ter­steckt? Ist das nicht ein ris­kan­tes Spiel, sowohl für ihn selbst als auch für die Gesell­schaft, wenn Ein­bil­dung und Wirk­lich­keit für Außen­ste­hen­de nicht mehr zu tren­nen sind?“

Hol­mes leg­te die Zei­tung bei­sei­te, lehn­te sich in sei­nem Ses­sel zurück und ver­schränk­te die Fin­ger. Sei­ne Augen fun­kel­ten im Feu­er­schein, wäh­rend er in jenem Ton sprach, der stets eine Mischung aus küh­ler Logik und schar­fer Iro­nie war.

„Eine aus­ge­zeich­ne­te Fra­ge, mein lie­ber Ibbson, und eine, die uns direkt ins Herz die­ses Rät­sels führt. Las­sen Sie uns die Fak­ten sezie­ren. Ers­tens: Der Vor­sit­zen­de, Herr Elix­mann, ist ein Mann, der sich in der Öffent­lich­keit als ‚Refe­rent‘ prä­sen­tiert. Eine Berufs­be­zeich­nung, die so vage ist wie ein Nebel über der Them­se. Was genau ‚refe­riert‘ er? Wem dient er als Sprach­rohr? Die Ant­wort bleibt im Dun­keln. Inter­es­san­ter­wei­se wählt er auf sei­nem Tik­Tok-Account, die­ser moder­nen Büh­ne für Selbst­in­sze­nie­rung, die Bezeich­nung ‚Pro­fes­sio­nel­ler Rechts­po­pu­list‘. Eine Selbst­be­schrei­bung, die ent­we­der ein Akt iro­ni­scher Ehr­lich­keit oder ein wei­te­rer Beweis für sei­ne Nei­gung zur Thea­tra­lik ist. Zwei­tens: Die Ankün­di­gung der Orts­ver­bän­de. Eine sol­che Ankün­di­gung erfor­dert ent­we­der eine Grund­la­ge in der Rea­li­tät – etwa kon­kre­te Plä­ne, Mit­glie­der, Ver­an­stal­tun­gen – oder sie ist ein bewuss­ter Schach­zug, um Auf­merk­sam­keit zu erre­gen, Anhän­ger zu mobi­li­sie­ren oder Geg­ner zu irri­tie­ren. Doch die Abwe­sen­heit jeg­li­cher greif­ba­rer Ergeb­nis­se legt nahe, dass wir es hier mit einer Illu­si­on zu tun haben, die mög­li­cher­wei­se selbst den Urhe­ber täuscht.“

Hol­mes mach­te eine Pau­se, zog an sei­ner Pfei­fe und ließ den Rauch in klei­nen, nach­denk­li­chen Wölk­chen auf­stei­gen. „Nun zu Ihrer Fra­ge, Ibbson, ob solch eine Ver­mi­schung von Ein­bil­dung und Wirk­lich­keit gefähr­lich ist. Die Ant­wort ist ein kla­res Ja, sowohl für die Gesell­schaft als auch für die Per­son selbst. Für die Gesell­schaft birgt es die Gefahr, dass Ver­trau­en in poli­ti­sche Pro­zes­se ero­diert. Wenn Ankün­di­gun­gen ohne Sub­stanz zur Norm wer­den, wenn Wor­te ohne Taten hal­len, wird die Öffent­lich­keit zynisch, und der poli­ti­sche Dis­kurs ver­kommt zu einem Schau­spiel. Für die Per­son selbst ist das Risi­ko nicht min­der groß. Ein Mann, der sich in sei­ner eige­nen Rhe­to­rik ver­fängt, ver­liert die Fähig­keit, zwi­schen dem Mög­li­chen und dem Fan­tas­ti­schen zu unter­schei­den. Er wird zum Gefan­ge­nen sei­ner eige­nen Nar­ra­ti­ve, unfä­hig, die Rea­li­tät zu meis­tern, weil er sie nicht mehr klar sieht. Dies, mein lie­ber Ibbson, ist nicht nur ein Zei­chen von Inkom­pe­tenz, son­dern ein Sym­ptom eines gefähr­li­che­ren Zustands: der Selbst­täu­schung, die sich als Visi­on tarnt.“

Ich nick­te lang­sam, beein­druckt von der Schär­fe sei­ner Ana­ly­se. „Aber Hol­mes“, frag­te ich, „wie kön­nen wir sicher sein, dass es sich um Ein­bil­dung han­delt und nicht um einen bewuss­ten Täu­schungs­ver­such?“

Hol­mes’ Augen ver­eng­ten sich, und ein Lächeln, das mehr wis­send als amü­siert war, spiel­te um sei­ne Mund­win­kel. „Eine berech­tig­te Unter­schei­dung, Ibbson. Doch betrach­ten wir die Bewei­se. Hät­te Herr Elix­mann die Absicht gehabt, zu täu­schen, hät­te er ver­mut­lich kon­kre­te­re Schrit­te unter­nom­men, um den Anschein von Akti­vi­tät zu erwe­cken – etwa Schein­ver­tre­ter ernannt oder Ver­an­stal­tun­gen insze­niert. Statt­des­sen fin­den wir nichts als Stil­le. Die Web­sei­te des Kreis­ver­ban­des, die ich mir erlaubt habe zu kon­sul­tie­ren, spricht von Ver­an­stal­tun­gen wie einem Vor­trags­abend mit einem gewis­sen Mar­tin E. Ren­ner oder einem Neu­jahrs­emp­fang in Müns­ter, doch kei­ne Spur von Gre­ven, Saer­beck oder Ibben­bü­ren. Die ein­zi­ge Erwäh­nung der Orts­ver­bän­de stammt aus einer Nach­rich­ten­sei­te, die von Plä­nen spricht, ohne Bewei­se für deren Umset­zung. Es ist, als hät­te er eine Fata Mor­ga­na beschrie­ben, die nur in sei­nem Kopf exis­tiert. Ein bewuss­ter Täu­scher wäre geschick­ter; ein Selbst­täu­schen­der hin­ge­gen lässt die Ankün­di­gung im Äther ver­puf­fen.“

„Und was schlie­ßen Sie dar­aus, Hol­mes?“ frag­te ich, nun voll­ends in den Bann sei­ner Logik gezo­gen.

„Dass wir es mit einem Mann zu tun haben, der sich in der Rol­le des poli­ti­schen Akteurs gefällt, aber die Gren­ze zwi­schen Ambi­ti­on und Rea­li­tät ver­wischt. Sei­ne vage Berufs­be­zeich­nung, sei­ne groß­spu­ri­gen Ankün­di­gun­gen, sei­ne elen­dig kre­pie­ren­den Mono­lo­ge, sei­ne Prä­senz auf Platt­for­men wie Tik­Tok – all dies deu­tet auf einen Per­for­mer, nicht auf einen Pla­ner. Die Gefahr, Ibbson, liegt nicht nur in der Ein­bil­dung, son­dern in der Mög­lich­keit, dass sol­che Ein­bil­dun­gen ande­re mit­rei­ßen, die weni­ger kri­tisch sind. Doch für den Moment bleibt es ein Rät­sel ohne Ver­bre­chen – ein Fall von Wor­ten ohne Gewicht, von Träu­men ohne Fun­da­ment.“

Hol­mes lehn­te sich zurück, die Pfei­fe nun erlo­schen, und sein Blick wan­der­te in die Fer­ne. „Las­sen Sie uns hof­fen, Ibbson, dass die Bür­ger des Krei­ses Stein­furt sich die Fähig­keit bewah­ren, zwi­schen Schaum und Sub­stanz zu unter­schei­den. Denn in einer Welt, in der Ein­bil­dung die Ober­hand gewinnt, ist die Wahr­heit der ers­te Ver­lie­rer.“

Und so ende­te unse­re Unter­hal­tung, wäh­rend der Rauch des Kamins sich mit dem Nebel der Nacht ver­misch­te, und ich mich frag­te, wie vie­le sol­cher Phan­to­me wohl noch in der Welt der Poli­tik umher­geis­tern moch­ten.

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Das lose Plakat

„Ein höchst merk­wür­di­ger Vor­fall, Ibbson, der die Gemü­ter in Rhei­ne in Auf­ruhr ver­setzt hat“, begann Sher­libb Hol­mes, wäh­rend er in sei­nem Ses­sel die Pfei­fe schmauch­te und sei­nen Blick über die Noti­zen schwei­fen ließ. „Stel­len Sie sich vor: Ein Anhän­ger der CDU, auf dem sich ein Dop­pel­pla­kat der AfD befand, erregt die Auf­merk­sam­keit neu­gie­ri­ger Pas­san­ten. Sofort wird ihr Chef und Mei­nungs­ma­cher bei der AfD zu Rate gezo­gen – ein Mann, der, ohne den Schau­platz mit eige­nen Augen inspi­ziert zu haben, sogleich eine küh­ne Theo­rie in die Welt setzt: eine Straf­tat habe sich ereig­net, ja, womög­lich eine orga­ni­sier­te Akti­on der CDU unter Füh­rung ihres Vor­stan­des, sys­te­ma­tisch Pla­ka­te der AfD zu ent­fer­nen! Alle Spu­ren, so behaup­tet er, führ­ten unwei­ger­lich zur CDU. Eine lücken­lo­se Auf­klä­rung wird gefor­dert, eben­so wie vol­le Koope­ra­ti­on mit den Behör­den und eine öffent­li­che Stel­lung­nah­me sei­tens der CSU. Eine Ankla­ge, die schwer wiegt, nicht wahr, Ibbson?“

Er hielt inne, zog an sei­ner Pfei­fe und ließ den Rauch in klei­nen Wölk­chen zur Decke stei­gen. „Doch, mein lie­ber Freund, wie steht es mit den Bewei­sen? Gibt es Zeug­nis­se dafür, dass ein Pla­kat mut­wil­lig beschä­digt oder gar abge­ris­sen wur­de? Eine fal­sche Ver­däch­ti­gung, Ibbson, ist selbst ein Ver­ge­hen, das nicht leicht­fer­tig began­gen wer­den soll­te. Ein Beweis wäre hier von größ­tem Nut­zen – wie sagt der West­fa­le doch so tref­fend? ‚Töf­te!‘.“

Hol­mes blät­ter­te in sei­nen Auf­zeich­nun­gen und fuhr fort: „Die CDU, ange­klagt in die­sem selt­sa­men Dra­ma, lie­fert eine Erklä­rung, die den Schlei­er des Rät­sels ein wenig zu lüf­ten ver­spricht. Am 17. August, so berich­ten sie, wur­de in der Nähe der Fir­ma Wind­hoff ein AfD-Pla­kat von ihren Mit­glie­dern ent­fernt. Doch war­um? Das Pla­kat, so heißt es, hing lose an einer Later­ne, lag teil­wei­se bereits auf dem Boden und stell­te eine Gefahr dar – ins­be­son­de­re für Zwei­rad­fah­rer. In Über­ein­kunft mit ande­ren Par­tei­en in Rhei­ne, so ver­si­chern sie, ist es üblich, beschä­dig­te oder her­ab­ge­fal­le­ne Pla­ka­te ein­zu­sam­meln, um Gefah­ren­stel­len zu besei­ti­gen und ein fai­res Wahl­um­feld zu gewähr­leis­ten. Eine Pra­xis, die selbst für Pla­ka­te der AfD gel­te.“

Er lehn­te sich zurück, die Augen halb geschlos­sen, und ließ die Fak­ten in sei­nem Geist tan­zen. „Nun, Ibbson, die AfD scheint von einer Ver­schwö­rung über­zeugt, doch die CDU spricht von prag­ma­ti­schem Han­deln im Diens­te der öffent­li­chen Sicher­heit. Beschä­dig­te Pla­ka­te sind in der Tat ein poli­ti­sches wie ver­kehrs­tech­ni­sches Pro­blem, das die hie­si­gen Par­tei­en beschäf­tigt. Die Fra­ge bleibt: Was erwar­tet die AfD in sol­chen Fäl­len? Soll ein sol­ches Pla­kat lie­gen blei­ben, eine Gefahr für jeder­mann? Oder ist das Ein­sam­meln ein Akt des Anstands und der poli­ti­schen Ver­ant­wor­tung, wie die CDU behaup­tet?“

Hol­mes leg­te die Pfei­fe bei­sei­te und fixier­te mich unnach­ahm­lich. „Die Wahr­heit, mein Freund, liegt oft in den Details ver­bor­gen. Ohne kon­kre­te Bewei­se für böse Absicht bleibt dies ein Rät­sel, das nach wei­te­rer Unter­su­chung ver­langt. Doch eines ist gewiss: In Rhei­ne wird der Wahl­kampf nicht nur mit Pla­ka­ten, son­dern auch mit Arg­wohn geführt.“

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