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Der Fall der imaginären Ortsverbände

Es war ein küh­ler Herbst­abend im Jah­re 2025, als ich in unse­rem ver­trau­ten Salon in der Bach­stra­ße 221b saß, das knis­tern­de Kamin­feu­er mein ein­zi­ger Beglei­ter in einer ansons­ten stil­len Stun­de. Sher­libb Hol­mes, mein geschätz­ter Freund und Detek­tiv von unver­gleich­li­chem Scharf­sinn, blät­ter­te mit einer Mischung aus Neu­gier und Ver­ach­tung durch eine Samm­lung regio­na­ler Zei­tun­gen aus der fer­nen Pro­vinz Stein­furt über­flog. Auf ein­mal blitz­ten sei­ne Augen und ein spöt­ti­sches Lächeln spiel­te um sei­ne Lip­pen.

„Ibbson“, begann er, ohne den Blick von der Zei­tung zu heben, „es scheint, als hät­ten wir es hier mit einem Fall von bemer­kens­wer­ter Dreis­tig­keit zu tun – oder viel­leicht nur mit einem Geist, der sich in den Nebeln der Selbst­täu­schung ver­liert. Hören Sie sich das an: Der Vor­sit­zen­de des AfD-Kreis­ver­ban­des Stein­furt, ein gewis­ser Flo­ri­an Elix­mann, ver­kün­de­te mit gro­ßem Tam­tam die bevor­ste­hen­de Grün­dung von Orts­ver­bän­den in Gre­ven, Saer­beck und Ibben­bü­ren. Eine voll­mun­di­ge Ankün­di­gung, die in der Pres­se für eini­ge Wel­len sorg­te. Doch – und hier wird es inter­es­sant – selbst ein Jahr spä­ter gibt es kei­ner­lei Spur die­ser Orts­ver­bän­de. Kei­ne Ver­samm­lun­gen, kei­ne Ver­an­stal­tun­gen, kein Lebens­zei­chen. Ein Trug­bild, Ibbson, ein Phan­tom der Ein­bil­dung!“

Ich run­zel­te die Stirn, wäh­rend ich mei­ne Pfei­fe stopf­te. „Ein Phan­tom, sagen Sie? Aber Hol­mes, war­um soll­te ein Mann in sei­ner Posi­ti­on solch eine Ankün­di­gung machen, wenn nichts dahin­ter­steckt? Ist das nicht ein ris­kan­tes Spiel, sowohl für ihn selbst als auch für die Gesell­schaft, wenn Ein­bil­dung und Wirk­lich­keit für Außen­ste­hen­de nicht mehr zu tren­nen sind?“

Hol­mes leg­te die Zei­tung bei­sei­te, lehn­te sich in sei­nem Ses­sel zurück und ver­schränk­te die Fin­ger. Sei­ne Augen fun­kel­ten im Feu­er­schein, wäh­rend er in jenem Ton sprach, der stets eine Mischung aus küh­ler Logik und schar­fer Iro­nie war.

„Eine aus­ge­zeich­ne­te Fra­ge, mein lie­ber Ibbson, und eine, die uns direkt ins Herz die­ses Rät­sels führt. Las­sen Sie uns die Fak­ten sezie­ren. Ers­tens: Der Vor­sit­zen­de, Herr Elix­mann, ist ein Mann, der sich in der Öffent­lich­keit als ‚Refe­rent‘ prä­sen­tiert. Eine Berufs­be­zeich­nung, die so vage ist wie ein Nebel über der Them­se. Was genau ‚refe­riert‘ er? Wem dient er als Sprach­rohr? Die Ant­wort bleibt im Dun­keln. Inter­es­san­ter­wei­se wählt er auf sei­nem Tik­Tok-Account, die­ser moder­nen Büh­ne für Selbst­in­sze­nie­rung, die Bezeich­nung ‚Pro­fes­sio­nel­ler Rechts­po­pu­list‘. Eine Selbst­be­schrei­bung, die ent­we­der ein Akt iro­ni­scher Ehr­lich­keit oder ein wei­te­rer Beweis für sei­ne Nei­gung zur Thea­tra­lik ist. Zwei­tens: Die Ankün­di­gung der Orts­ver­bän­de. Eine sol­che Ankün­di­gung erfor­dert ent­we­der eine Grund­la­ge in der Rea­li­tät – etwa kon­kre­te Plä­ne, Mit­glie­der, Ver­an­stal­tun­gen – oder sie ist ein bewuss­ter Schach­zug, um Auf­merk­sam­keit zu erre­gen, Anhän­ger zu mobi­li­sie­ren oder Geg­ner zu irri­tie­ren. Doch die Abwe­sen­heit jeg­li­cher greif­ba­rer Ergeb­nis­se legt nahe, dass wir es hier mit einer Illu­si­on zu tun haben, die mög­li­cher­wei­se selbst den Urhe­ber täuscht.“

Hol­mes mach­te eine Pau­se, zog an sei­ner Pfei­fe und ließ den Rauch in klei­nen, nach­denk­li­chen Wölk­chen auf­stei­gen. „Nun zu Ihrer Fra­ge, Ibbson, ob solch eine Ver­mi­schung von Ein­bil­dung und Wirk­lich­keit gefähr­lich ist. Die Ant­wort ist ein kla­res Ja, sowohl für die Gesell­schaft als auch für die Per­son selbst. Für die Gesell­schaft birgt es die Gefahr, dass Ver­trau­en in poli­ti­sche Pro­zes­se ero­diert. Wenn Ankün­di­gun­gen ohne Sub­stanz zur Norm wer­den, wenn Wor­te ohne Taten hal­len, wird die Öffent­lich­keit zynisch, und der poli­ti­sche Dis­kurs ver­kommt zu einem Schau­spiel. Für die Per­son selbst ist das Risi­ko nicht min­der groß. Ein Mann, der sich in sei­ner eige­nen Rhe­to­rik ver­fängt, ver­liert die Fähig­keit, zwi­schen dem Mög­li­chen und dem Fan­tas­ti­schen zu unter­schei­den. Er wird zum Gefan­ge­nen sei­ner eige­nen Nar­ra­ti­ve, unfä­hig, die Rea­li­tät zu meis­tern, weil er sie nicht mehr klar sieht. Dies, mein lie­ber Ibbson, ist nicht nur ein Zei­chen von Inkom­pe­tenz, son­dern ein Sym­ptom eines gefähr­li­che­ren Zustands: der Selbst­täu­schung, die sich als Visi­on tarnt.“

Ich nick­te lang­sam, beein­druckt von der Schär­fe sei­ner Ana­ly­se. „Aber Hol­mes“, frag­te ich, „wie kön­nen wir sicher sein, dass es sich um Ein­bil­dung han­delt und nicht um einen bewuss­ten Täu­schungs­ver­such?“

Hol­mes’ Augen ver­eng­ten sich, und ein Lächeln, das mehr wis­send als amü­siert war, spiel­te um sei­ne Mund­win­kel. „Eine berech­tig­te Unter­schei­dung, Ibbson. Doch betrach­ten wir die Bewei­se. Hät­te Herr Elix­mann die Absicht gehabt, zu täu­schen, hät­te er ver­mut­lich kon­kre­te­re Schrit­te unter­nom­men, um den Anschein von Akti­vi­tät zu erwe­cken – etwa Schein­ver­tre­ter ernannt oder Ver­an­stal­tun­gen insze­niert. Statt­des­sen fin­den wir nichts als Stil­le. Die Web­sei­te des Kreis­ver­ban­des, die ich mir erlaubt habe zu kon­sul­tie­ren, spricht von Ver­an­stal­tun­gen wie einem Vor­trags­abend mit einem gewis­sen Mar­tin E. Ren­ner oder einem Neu­jahrs­emp­fang in Müns­ter, doch kei­ne Spur von Gre­ven, Saer­beck oder Ibben­bü­ren. Die ein­zi­ge Erwäh­nung der Orts­ver­bän­de stammt aus einer Nach­rich­ten­sei­te, die von Plä­nen spricht, ohne Bewei­se für deren Umset­zung. Es ist, als hät­te er eine Fata Mor­ga­na beschrie­ben, die nur in sei­nem Kopf exis­tiert. Ein bewuss­ter Täu­scher wäre geschick­ter; ein Selbst­täu­schen­der hin­ge­gen lässt die Ankün­di­gung im Äther ver­puf­fen.“

„Und was schlie­ßen Sie dar­aus, Hol­mes?“ frag­te ich, nun voll­ends in den Bann sei­ner Logik gezo­gen.

„Dass wir es mit einem Mann zu tun haben, der sich in der Rol­le des poli­ti­schen Akteurs gefällt, aber die Gren­ze zwi­schen Ambi­ti­on und Rea­li­tät ver­wischt. Sei­ne vage Berufs­be­zeich­nung, sei­ne groß­spu­ri­gen Ankün­di­gun­gen, sei­ne elen­dig kre­pie­ren­den Mono­lo­ge, sei­ne Prä­senz auf Platt­for­men wie Tik­Tok – all dies deu­tet auf einen Per­for­mer, nicht auf einen Pla­ner. Die Gefahr, Ibbson, liegt nicht nur in der Ein­bil­dung, son­dern in der Mög­lich­keit, dass sol­che Ein­bil­dun­gen ande­re mit­rei­ßen, die weni­ger kri­tisch sind. Doch für den Moment bleibt es ein Rät­sel ohne Ver­bre­chen – ein Fall von Wor­ten ohne Gewicht, von Träu­men ohne Fun­da­ment.“

Hol­mes lehn­te sich zurück, die Pfei­fe nun erlo­schen, und sein Blick wan­der­te in die Fer­ne. „Las­sen Sie uns hof­fen, Ibbson, dass die Bür­ger des Krei­ses Stein­furt sich die Fähig­keit bewah­ren, zwi­schen Schaum und Sub­stanz zu unter­schei­den. Denn in einer Welt, in der Ein­bil­dung die Ober­hand gewinnt, ist die Wahr­heit der ers­te Ver­lie­rer.“

Und so ende­te unse­re Unter­hal­tung, wäh­rend der Rauch des Kamins sich mit dem Nebel der Nacht ver­misch­te, und ich mich frag­te, wie vie­le sol­cher Phan­to­me wohl noch in der Welt der Poli­tik umher­geis­tern moch­ten.

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  • Ein abge­dun­kel­tes Ver­eins­heim, ein Bier­gar­ten und eine Wie­se mit blau­em Pavil­lon (Osna­brü­cker Rund­schau vom 28. August 2025)

    Wer am ver­gan­ge­nen Sonn­tag den Bier­gar­ten des grie­chi­schen Restau­rants „bei Maki“ besuch­te oder einen Spa­zier­gang im Klein­gar­ten­ver­ein „Natru­per­tor e.V.“ mach­te, bemerk­te recht schnell eine Grup­pe von zir­ka 35 Men­schen, ver­teilt auf Bier­gar­ten und Rasen­flä­che hin­ter Ver­eins­heim und Gas­tro. Irgend­wo zwi­schen lachs­far­be­nen Polo­shirt und schim­mernd blau­en Anzug mit blin­ken­dem Par­tei­ab­zei­chen am Revers tum­mel­ten sich papp­tell­ertra­gend und mit Pils­bier bewaff­net das Who-is–who der Par­tei, die als rechts­ra­di­ka­les Ver­dachts­ob­jekt durch den hie­si­gen Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet wird.

  • Wirt und Klein­gar­ten­ver­ein: kla­re Distanz zur AfD-Akti­on! (Osna­brü­cker Rund­schau vom 1. Sep­tem­ber 2025)
  • Osna­brü­cker Knei­pe Treff­punkt für rech­te Par­tei? Fami­lie Rink will kei­ne AfD im Park­haus (Osna­brü­cker Rund­schau vom 2. Sep­tem­ber 2025)

    „Ich hat­te eigent­lich nicht vor, in mei­nem Alter noch in die Öffent­lich­keit zu tre­ten“, sagt Lothar Rink. (…) „Und uns allen ist wich­tig, eines ganz klar­zu­ma­chen: Wir distan­zie­ren uns von der AfD und von poli­ti­schem Extre­mis­mus jeg­li­cher Art.“

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Leonie Plaar: „Meine Familie, die AfD und ich“

Leo­nie ist que­er, poli­ti­sche Akti­vis­tin, His­to­ri­ke­rin – und Toch­ter eines Ibben­bü­re­ner AfD-Mit­glieds. Tat­säch­lich wäh­len fast alle ihrer nahen Ver­wand­ten die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land. Bis sie die Reiß­lei­ne zog und den Kon­takt abbrach, hat sie deren Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zess also haut­nah mit­er­lebt. Über Jah­re hin­weg hat sie zuge­hört, ana­ly­siert, mit­dis­ku­tiert. Vor allem aber muss­te sie erle­ben, wie es sich anfühlt, wenn der eige­ne Vater Teil einer Bewe­gung wird, die sich gegen alle Wer­te rich­tet, die Leo­nie ver­kör­pert.

Ange­sichts der Dis­kus­sio­nen über die aktu­el­len poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen, über das Erstar­ken rechts­kon­ser­va­ti­ver Ideo­lo­gien ver­ges­sen wir manch­mal, dass die­se eben nicht nur auf wis­sen­schaft­li­cher oder öffent­li­cher Ebe­ne statt­fin­den: Die poli­ti­schen Grä­ben zie­hen sich auch durch Fami­li­en. Zu jedem Punkt im Wahl­pro­gramm, zu jedem Ver­schwö­rungs­my­thos und popu­lis­ti­schen Wahl­pla­kat gibt es per­sön­li­che Geschich­ten, die sich über­all in Deutsch­land abspie­len. An Küchen­ti­schen, auf Fami­li­en­fei­ern, beim Gril­len oder an Weih­nach­ten. Leo­nie erzählt ihre eige­ne Geschich­te hin­ter den Par­tei-Nar­ra­ti­ven. Sie macht die Radi­ka­li­sie­rung der letz­ten Jah­re ent­lang ihrer per­sön­li­chen Fami­li­en­ge­schich­te nach­voll­zieh­bar und legt die pri­va­te Sei­te hin­ter der Radi­ka­li­sie­rung der AfD und ihrer Mit­glie­der offen. Denn nichts ist so per­sön­lich wie Poli­tik.

Eine gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ana­ly­se und gleich­zei­tig die berüh­ren­de Erzäh­lung eines fami­liä­ren Bruchs.

Ter­mi­ne:
18. Sep­tem­ber 2025, 19 Uhr, VHS Osna­brück, Ein­tritt frei
19. Sep­tem­ber 2025, 19 Uhr 30, in der Janusz-Kor­c­zak-Schu­le, Uffeln Mit­te 33, 49479 Ibben­bü­ren. Ein­tritt: 15€
30. Sep­tem­ber 2025, 19 Uhr, Kul­tur­zen­trum Pelm­ke, Ein­tritt frei
17. Okto­ber 2025, 15 Uhr, Frank­fur­ter Buch­mes­se
wei­te­re Ter­mi­ne

Das Buch, das E‑Book und das Hör­buch erschei­nen am 10. Sep­tem­ber 2025 und kön­nen bereits vor­be­stellt wer­den.

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  • Die Frei­heit ver­tei­di­gen: Bünd­nis für Demo­kra­tie ruft zum Wäh­len auf

    „Wir sind kei­ne Orga­ni­sa­ti­on, die man wäh­len kann“, stell­te Mar­cus Wie­gand vom Len­ge­ri­cher Bünd­nis Demo­kra­tie fest, das schon ein­mal eine Groß­de­mons­tra­ti­on gegen rechts auf die Bei­ne gestellt hat, „wir wol­len ein Zei­chen dafür set­zen, dass die Demo­kra­tie auch ver­tei­digt wer­den muss.“

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Die Bewährung des Leitfadens

An einem neb­li­gen Abend des sich ankün­di­gen Herbs­tes im Jahr 2025 saß ich, Dr. John H. Ibbson, in unse­rer ver­trau­ten Woh­nung in der Bach­stra­ße 221B, wäh­rend das Kamin­feu­er knis­ter­te und die Gas­lam­pen ein war­mes Licht war­fen. Sher­libb Hol­mes, mein alter Freund und Gefähr­te, lüm­mel­te in sei­nem Lehn­stuhl, die Pfei­fe zwi­schen den Lip­pen, und scroll­te mit unge­wöhn­li­cher Begeis­te­rung durch die Tie­fen des Inter­nets auf sei­nem Tablet – eine moder­ne Marot­te, die er trotz sei­nes Wider­wil­lens gegen die Tech­nik der heu­ti­gen Zeit ange­nom­men hat­te.

„Ibbson“, begann er plötz­lich, ohne den Blick von sei­nem Bild­schirm zu heben, „ich muss sagen, Sie haben sich selbst über­trof­fen. Die­ser Leit­fa­den zum Ver­ständ­nis von AfD-Gefolgs­leu­ten, den Sie ver­fasst haben, ist ein Meis­ter­werk der Beob­ach­tung und Ana­ly­se. Ein wah­res Hand­buch der mensch­li­chen Vor­her­seh­bar­keit!“

Ich blin­zel­te über­rascht. „Sie spre­chen von mei­nem klei­nen Pro­jekt? Wie sind Sie dar­auf gesto­ßen, Hol­mes?“

„Ein flüch­ti­ger Blick auf die end­lo­sen Dis­kus­sio­nen im digi­ta­len Äther“, ant­wor­te­te er mit einem schel­mi­schen Lächeln. „Ein Kli­ent wies mich dar­auf hin, dass ihr Pro­jekt in einem Inter­net­fo­rum pra­xis­taug­lich ange­wen­det wur­de, und ich war neu­gie­rig. Sagen Sie, wie kamen Sie auf die Idee, die rhe­to­ri­schen Mus­ter der AfD und ihrer Gefolgs­leu­te der­art prä­zi­se zu kata­lo­gi­sie­ren?“

Ich räus­per­te mich, etwas geschmei­chelt von sei­nem Inter­es­se. „Nun, Hol­mes, ich habe bemerkt, dass in Online-Dis­kus­sio­nen mit Anhän­gern der Alter­na­ti­ve für Deutsch­land ein gewis­ses Mus­ter erkenn­bar ist. Ihre Ant­wor­ten fol­gen wie­der­keh­ren­den Stra­te­gien, die weni­ger auf Sach­ar­gu­men­te als auf Ablen­kung und Emo­ti­on abzie­len. Also habe ich die­se Mus­ter sys­te­ma­ti­siert – eine Art Leit­fa­den, um ihre Argu­men­te zu ent­lar­ven.“

Hol­mes’ Augen fun­kel­ten vor Belus­ti­gung. „Und wie bril­lant Sie das getan haben! Ich habe mir die von Ihnen doku­men­tier­ten Aus­zü­ge ange­se­hen. Erlau­ben Sie mir, sie kurz Revue pas­sie­ren zu las­sen, denn sie sind ein Para­de­bei­spiel für Ihre Metho­de.“

Er lehn­te sich zurück, zog an sei­ner Pfei­fe und begann, die Bei­spie­le mit der Prä­zi­si­on eines Ana­to­men zu sezie­ren. „Neh­men wir Niklas T., der mit einem lapi­da­ren ‚Albern! Habt ihr kei­ne wich­ti­ge­ren The­men?‘ reagiert. Ihr Leit­fa­den iden­ti­fi­ziert dies kor­rekt als What­a­bou­tism – eine Tak­tik, so alt wie die Kunst der Rhe­to­rik selbst, um von der eigent­li­chen Debat­te abzu­len­ken. Ihre Defi­ni­ti­on ist prä­gnant: ‚eine Ablen­kungs­tak­tik, indem man behaup­tet, dass man zunächst über etwas ande­res zu dis­ku­tie­ren habe.‘ Bra­vo, Ibbson, Sie haben den Kern getrof­fen.“

„Dann“, fuhr er fort, „haben wir Eber­hard S. mit sei­nem ‚Kin­der­gar­ten Deutsch­land lässt Grü­ßen.‘ Ihr Leit­fa­den stuft dies als aus­flüch­ten­de Bewer­tung ein, die nichts zur Sache bei­trägt. Eine tref­fen­de­re Beschrei­bung könn­te es kaum geben! Der Begriff ‚Kin­der­gar­ten‘ ist hier nichts wei­ter als eine rhe­to­ri­sche Keu­le, die Sach­lich­keit durch Her­ab­wür­di­gung ersetzt.“

Hol­mes’ Fin­ger tanz­ten über das Tablet, wäh­rend er die nächs­ten Bei­spie­le auf­rief. „Sport­ler Sie­ben­acht­zig – ein fas­zi­nie­ren­der Nom de Guer­re – klagt: ‚Dach­te immer, dass es in Ibben­bü­ren noch eine Demo­kra­tie gibt, aber anschei­nend gibt es das auch nicht mehr.‘ Ihr Leit­fa­den ent­larvt dies als pseu­do-iro­ni­sche Über­trei­bung, die vor­gibt, Iro­nie zu sein, aber ledig­lich das Gegen­teil des Gesag­ten meint. Eine prä­zi­se Beob­ach­tung, Ibbson. Sol­che Aus­sa­gen sind nicht dar­auf aus­ge­legt, zu über­zeu­gen, son­dern zu pro­vo­zie­ren.“

„Und schließ­lich“, sag­te Hol­mes mit einem leich­ten Lachen, „Chris­toph J., der Sie, mein lie­ber Ibbson, mit einem Schwall von Empö­rung über­schüt­tet: ‚Ein­fach nur erschre­ckend! Hier schwa­felt wie­der jemand mit irgend­ei­nem Pseu­do­an­spruch von unse­rer Demo­kra­tie.‘ Ihr Leit­fa­den ana­ly­siert dies als eine ver­zerr­te Auf­fas­sung von Demo­kra­tie, die auf Mehr­heits­wahl­recht ohne Rechts­staat­lich­keit redu­ziert wird. Eine scharf­sin­ni­ge Dia­gno­se! Und die Krö­nung: Sport­ler Siebenachtzig’s ‚Hirn­lo­ses Geschwa­fel‘, das Sie als Aus­druck einer Welt­an­schau­ung iden­ti­fi­zie­ren, in der jeder, der nicht mit der AfD über­ein­stimmt, ein wil­len­lo­ses ‚Schaf‘ ist. Ein­fach köst­lich!“

Ich konn­te ein Lächeln nicht unter­drü­cken. „Sie schei­nen tat­säch­lich begeis­tert, Hol­mes. Aber war es nicht ein wenig… unor­tho­dox, sol­che Dis­kus­sio­nen der­art zu kata­lo­gi­sie­ren?“

„Unor­tho­dox?“ Hol­mes’ Augen­brau­en hoben sich. „Mein lie­ber Ibbson, es ist gera­de­zu ele­men­tar! Sie haben die Prin­zi­pi­en mei­ner Metho­de ange­wandt: Beob­ach­tung, Klas­si­fi­ka­ti­on, Deduk­ti­on. Sie haben die rhe­to­ri­schen Fuß­spu­ren die­ser Dis­ku­tan­ten ver­folgt und ein Mus­ter ent­deckt, das so vor­her­seh­bar ist wie die Schrit­te eines Wal­zers. Ihr Leit­fa­den ist ein Werk­zeug, das die Mas­ke des Popu­lis­mus her­un­ter­reißt und die dar­un­ter­lie­gen­de Lee­re ent­hüllt. Ich bin ent­zückt!“

Er leg­te das Tablet bei­sei­te und fixier­te mich mit einem durch­drin­gen­den Blick. „Doch sagen Sie, Ibbson, was hat Sie dazu inspi­riert, die­sen Leit­fa­den zu schrei­ben? War es blo­ße Lan­ge­wei­le, oder steckt mehr dahin­ter?“

Ich zöger­te, dann ant­wor­te­te ich: „Es war die Frus­tra­ti­on, Hol­mes. In die­sen Dis­kus­sio­nen wird sel­ten auf Argu­men­te ein­ge­gan­gen. Statt­des­sen wird abge­lenkt, pro­vo­ziert, her­ab­ge­wür­digt. Ich woll­te ein Werk­zeug schaf­fen, das die­se Tak­ti­ken sicht­bar macht – nicht nur für mich, son­dern für jeden, der sich in sol­chen Debat­ten wie­der­fin­det.“

Hol­mes nick­te aner­ken­nend. „Ein nobles Unter­fan­gen. Und wie effek­tiv es ist! Ihre Ant­wor­ten in die­sem Gespräch – jedes Mal ein prä­zi­ser Ver­weis auf den Leit­fa­den – haben die Dis­ku­tan­ten ent­waff­net, ohne dass Sie sich auf ihr Niveau bege­ben muss­ten. Sie haben die Kunst des rhe­to­ri­schen Judo gemeis­tert.“

Er stand auf, schritt zum Fens­ter und blick­te hin­aus in den Nebel, der die Bach­stra­ße umhüll­te. „Doch sei­en Sie vor­sich­tig, Ibbson“, sag­te er, nun erns­ter. „Sol­che Werk­zeu­ge sind mäch­tig, aber sie kön­nen auch Miss­gunst erre­gen. Die, die ent­larvt wer­den, reagie­ren sel­ten mit Ein­sicht. Den­noch, Ihre Arbeit ist ein Tri­umph der Ver­nunft über das Cha­os der Emo­tio­nen.“

Ich fühl­te mich geschmei­chelt, doch auch ein wenig über­for­dert von sei­nem Lob. „Dan­ke, Hol­mes. Viel­leicht soll­te ich den Leit­fa­den erwei­tern – es gibt sicher noch mehr Mus­ter zu ent­de­cken.“

„Zwei­fel­los“, erwi­der­te er mit einem ver­schmitz­ten Grin­sen. „Und wenn Sie das tun, Ibbson, las­sen Sie mich die ers­te Aus­ga­be lesen. Es ist eine Freu­de, zu sehen, wie mein alter Freund die Kunst der Deduk­ti­on in die moder­ne Are­na trägt.“

Und so ver­brach­te ich den Rest des Abends damit, Hol­mes von den Fein­hei­ten mei­nes Leit­fa­dens zu erzäh­len, wäh­rend der Nebel drau­ßen dich­ter wur­de und die Welt der Bach­stra­ße in ein sanf­tes, zeit­lo­ses Schwei­gen hüll­te.

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Das Geheimnis der akronymen Täuschung

Es war ein küh­ler Som­mer­abend in Ibb­town, als ich, Dr. John H. Ibbson, in der Behag­lich­keit unse­rer Woh­nung in der Bach­stra­ße 221B saß. Reg­ne­ri­sche Feuch­tig­keit kroch durch die Stra­ßen, und das Knis­tern des Kamin­feu­ers war die ein­zi­ge Gesell­schaft, bis Sher­libb Hol­mes mit einem amü­sier­ten Fun­keln in den Augen ins Zim­mer stürm­te. In sei­ner Hand hielt er ein moder­nes Gerät, das er „Smart­phone“ nann­te, ein Ding, das er mit einer Mischung aus Ver­ach­tung und Fas­zi­na­ti­on betrach­te­te.

„Ibbson, mein Freund,“ rief er, „kom­men Sie her! Wir ste­hen vor einem Fall von köst­li­cher List, einem digi­ta­len Pos­sen­spiel, das selbst Mori­ar­ty vor Neid erblas­sen lie­ße!“

„Was ist es dies­mal, Hol­mes?“ frag­te ich, wäh­rend ich mei­ne Pfei­fe bei­sei­te leg­te. „Ein wei­te­rer Fall von gestoh­le­nem Tee oder ein ver­schwun­de­ner Regen­schirm?“

„Nichts so Gewöhn­li­ches,“ ant­wor­te­te er und hielt das Gerät hoch, des­sen Bild­schirm mit bun­ten Sym­bo­len leuch­te­te. „Es geht um die sozia­len Netz­wer­ke, Ibbson! Ein Netz aus Intri­gen, gewo­ben mit Humor und einer Pri­se Sub­ver­si­on. Im Kreis Stein­furt, genau­er gesagt in den Städ­ten Ems­det­ten, Stein­furt und Ibben­bü­ren, hat sich eine Grup­pe schlau­er Köp­fe einen Spaß erlaubt. Sie haben die Akro­ny­me einer poli­ti­schen Par­tei, der AfD, genom­men und sie mit neu­en, höchst amü­san­ten Bedeu­tun­gen ver­se­hen.“

Ich run­zel­te die Stirn, ver­wirrt von die­sem moder­nen Durch­ein­an­der. „Akro­ny­me, Hol­mes? Und was für eine Par­tei?“

„Die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land,“ erklär­te er, „eine Par­tei, die in der deut­schen Poli­tik für eini­ge Kon­tro­ver­sen sorgt. Doch hier geht es nicht um Poli­tik, Ibbson, son­dern um einen Streich! Schau­en Sie sich die­se Lis­te an.“ Er reich­te mir das Gerät, und ich las die Ein­trä­ge, die er mir zeig­te:

@afd.stadtverband.emsdetten: Abge­lau­fe­ne Fer­tig­do­sen Ems­det­ten
@afd.lengerich: Alko­hol­frei­es Dosen­bier Len­ge­rich
@afd_in_emsdetten: Alko­hol-frei­es Dosen­bier Ems­det­ten
@afd.stadtverband.steinfurt: Alles für den Dackel Stadt­ver­band Stein­furt
@afd_emsdetten: Alles für Döner
@afdemsdetten: All­ge­mein­heit für Don­ner­schlag­qual­len
@afd_steinfurt: Anar­chis­ti­sche Frö­sche Deutsch­land
@afd.emsdetten: Anti-fort­schritt­li­che Dinorau­rier Ems­det­ten
@afd.ibbenbueren: Anthra­zit­for­schung Dicken­berg
@afdsteinfurt: Alle für Diver­si­tät Stein­furt

Ich konn­te ein Lachen nicht unter­drü­cken. „Hol­mes, das ist ja absurd! Don­ner­schlag­qual­len? Anar­chis­ti­sche Frö­sche? Wer kommt auf solch einen Unsinn?“

Hol­mes lehn­te sich zurück, die Fin­ger­spit­zen anein­an­der­ge­legt, ein schel­mi­sches Grin­sen auf den Lip­pen. „Ein Meis­ter der Täu­schung, Ibbson, oder bes­ser gesagt, eine Grup­pe von Spaß­vö­geln, die die Macht der Spra­che und der digi­ta­len Platt­for­men nut­zen. Stel­len Sie sich vor: Jemand regis­triert die­se Kon­ten, um die Erwar­tun­gen derer zu unter­gra­ben, die nach offi­zi­el­len Par­tei­pro­fi­len suchen. Statt­des­sen fin­den sie… Dosen­bier und Dackel! Es ist ein bril­lan­tes Manö­ver, eine digi­ta­le Kari­ka­tur.“

„Aber war­um, Hol­mes?“ frag­te ich. „Was ist der Zweck?“

„Der Zweck, mein lie­ber Ibbson, ist drei­fach,“ erklär­te er, wäh­rend er auf­stand und im Raum auf und ab ging. „Ers­tens, es ist ein Akt des Humors, ein spie­le­ri­scher Kom­men­tar, der die Ernst­haf­tig­keit der Poli­tik durch­bricht. Zwei­tens, es ist eine sub­ti­le Form des Pro­tests, indem man die Iden­ti­tät der Par­tei durch absur­de Asso­zia­tio­nen ver­dreht. Und drit­tens, es ist eine Demons­tra­ti­on von Krea­ti­vi­tät, die zeigt, wie man mit ein paar Wor­ten und einem Account die Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen kann. Beach­ten Sie die Viel­falt: von Döner bis Fer­tig­es­sen, von Dino­sau­ri­er bis Diver­si­tät – jede Bezeich­nung ist ein klei­ner Stich, gewürzt mit Witz.“

Ich nick­te lang­sam, fas­zi­niert von der Ana­ly­se. „Aber Hol­mes, ist das legal? Kann man ein­fach so Kon­ten mit sol­chen Namen anle­gen?“

Hol­mes zuck­te die Schul­tern, ein Hauch von Spitz­bü­be­rei in sei­nem Blick. „Die Geset­ze der digi­ta­len Welt sind noch jung, Ibbson. Solan­ge kei­ne Mar­ken­rech­te ver­letzt oder direk­te Täu­schun­gen mit böser Absicht vor­ge­nom­men wer­den, ist es ein grau­er Bereich. Die­se Kon­ten bean­spru­chen nicht, die ech­te Par­tei zu sein – sie sind Par­odien, Sati­ren, ein digi­ta­les Augen­zwin­kern.“

„Und wie haben Sie davon erfah­ren?“ frag­te ich, neu­gie­rig wie immer.

„Ein Freund aus Ems­det­ten, ein gewis­ser Herr Mül­ler, schick­te mir eine Nach­richt,“ ant­wor­te­te Hol­mes. „Er ist ein Beob­ach­ter der digi­ta­len Land­schaft und fand die­se Ent­wick­lung höchst unter­halt­sam. Ich habe die Kon­ten über­prüft – lei­der kann ich Ihnen kei­ne aktu­el­len Inhal­te zei­gen, da ich nicht direkt auf die Platt­form zugrei­fen kann. Aber die Namen allein, Ibbson, sind ein Kunst­werk!“

Ich lach­te erneut, stell­te mir vor, wie ein arg­lo­ser Nut­zer auf der Suche nach poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen statt­des­sen auf „Anthra­zit­for­schung auf dem Dicken­berg“ stößt. „Was wird die Par­tei dazu sagen, Hol­mes?“

„Oh, sie wer­den ver­mut­lich empört sein,“ sag­te er mit einem Kichern. „Aber was kön­nen sie tun? Den Humor ver­bie­ten? Die Qual­len ver­haf­ten? Nein, Ibbson, der bes­te Weg, mit solch einer Täu­schung umzu­ge­hen, ist, sie zu igno­rie­ren oder mit noch mehr Witz zu kon­tern. Doch ich bezweif­le, dass sie dazu fähig sind.“

Hol­mes setz­te sich wie­der, sein Blick nun nach­denk­lich. „Es erin­nert mich an unse­re eige­nen Aben­teu­er, Ibbson. Die Welt mag sich ver­än­dert haben, von Gas­la­ter­nen zu Bild­schir­men, aber die mensch­li­che Natur bleibt die­sel­be: ein Tanz aus List, Humor und der ewi­gen Suche nach Auf­merk­sam­keit. Die­ser Fall mag kein Ver­bre­chen sein, aber er ist ein Rät­sel, das uns zum Schmun­zeln bringt.“

Und so saßen wir, wäh­rend der Nebel dich­ter wur­de und das Feu­er knis­ter­te, und lach­ten über die Vor­stel­lung von Don­ner­schlag­qual­len und anar­chis­ti­schen Frö­schen, die die digi­ta­le Welt erober­ten – ein Fall, der Sher­libb Hol­mes’ Herz mit Freu­de erfüll­te, ohne dass ein Ver­bre­cher gefasst wer­den muss­te.

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